Texte

Vorbemerkung

Vor diesem Teil meiner Website möchte ich Sie ausdrücklich warnen: Sie geraten möglicherweise unter den Einfluss meiner individuellen und sehr subjektiven Sicht der Welt. Das könnte Folgen haben – ich hoffe es zumindest!

Alle meine Versuche, meinen persönlichen Weg der Achtsamen Photographie in Worte zu fassen, sind notwendigerweise unvollständig und bruchstückhaft. Das liegt sowohl an der Unmöglichkeit, mein Erleben und meine Erkenntnis, die ja immer ganzheitlich sind, in das enge Korsett der Sprache zu zwingen, als auch daran, dass auch Worte immer nur Blitzlichter auf jeweils gegenwärtige Elemente eines unendlichen Raum-Zeit-Kontinuums werfen, das der permanenten Unbeständigkeit unterliegt.

Bei der Lektüre wünschen ich Ihnen vor allem Freude und hoffe darauf, dass meine Worte sie darin begleiten, ihre eigenen persönlichen Einsichten zu entdecken.

Über Rückmeldungen freue ich mich sehr.

Mit dem Herzen sehen

Wollen wir die Welt mit Hilfe der Photographie erkennen, so müssen wir zuerst lernen still zu werden. Denn nur wenn Geist und Körper zentriert und fokussiert sind, gewinnen wir die Möglichkeit, der äußeren Welt mit einem weiten, frischen und aufnahmebereiten Geist zu begegnen.

In der Stille der bewussten Entschleunigung können wir ein Gewahrsein für unsere mentalen Konzeptionen und Blockaden entwickeln, unser geradezu zwanghaftes Bewerten mit der daraus folgenden Anhaftung oder Ablehnung erkennen und lernen, diese Limitierungen Schritt für Schritt loszulassen. Achtsamkeit kann uns auf diese Weise helfen, uns aus den engen Grenzen unseres ichbezogenen Denkens zu befreien.

Achtsamkeit und Stille sind folglich auch essentielle Bedingungen für eine Photographie, die über ein bloßes Abbild der äußeren Welt und deren Bewertung durch unseren Geist hinausgeht. Indem wir als Photograph gezielt in eine erlebte Resonanz mit den Elementen des unendlichen Kosmos gehen, erfahren wir für einen Moment seine tiefe Schönheit.

Jede unserer Photographien schenkt ihrer Betrachterin einen Einblick in das von uns wahrgenommene Bild der Welt, zeigt einen zutiefst subjektiven Ausschnitt aus dem Raum-Zeit-Kontinuum und manifestiert sich daher als Spiegel unserer Seele.

Auf diese Weise trägt jede unserer Photographien ein Stück von unserem Herzen in sich.

Achtsamkeit in der Photographie

1. DANKBARKEIT UND RUHE ENTWICKELN

Als PhotographInnen begegnen wir der Welt mit Dankbarkeit. Wir sind dankbar für die unendliche Vielfalt und Schönheit des Kosmos. Wir erfreuen uns an der Gesundheit unseres Körpers und unserer Sinne, die es uns erlauben, dieses Geschenk der Welt wahrzunehmen und zu genießen.

Getragen von unserer Praxis vereinen wir Körper und Geist und entwickeln eine Haltung innerer Ruhe, um ganz im gegenwärtigen Moment zu leben und uns auf den künstlerischen Prozess des Photographierens einlassen zu können.

Um unsere Achtsamkeit aufrecht zu erhalten und unsere Aufmerksamkeit für eine längere Zeit zu fokussieren, arbeiten wir in Stille und allein.

 

2. SCHAUEN UND IN RESONANZ GEHEN

Wir gehen mit wachen Augen in die Welt, offen für das Licht, das sich in ihnen fängt. Wir üben, alle Farben, Formen und Texturen frei von vorgefertigten Konzepten und Begriffen wahrzunehmen und auf uns einwirken zu lassen. So schauen wir in Ruhe und mit frischem Blick, bis ein Objekt unserer Wahrnehmung uns einlädt, mit ihm in Resonanz zu gehen.

Wir konzentrieren uns mit unserer ganzen Aufmerksamkeit auf dieses Objekt, nähern uns ihm achtsam und spüren, ob sich die Resonanz verstärkt. Dann wissen wir intuitiv, dass uns das Photo-Objekt gefunden hat.

Wir erforschen mit allen unseren Sinnen dieses Objekt. Wie befindet es sich in Raum und Zeit? Wir betrachten seine Farben (Farbtöne, Intensität, Schattierungen), seine Formen (Formqualitäten, Anordnung und Häufigkeit unterschiedlicher Formen) und seine Texturen (Beschaffenheit der Oberflächen, Strukturen). Welche Energie geht in diesem Moment aus von diesem Objekt? Wie ist die Verbindung zwischen uns und dem Objekt?

Auf diese Weise erschaffen wir in unserem Geist ein Abbild, das diejenigen Aspekte des Wesens des Photographie-Objektes widerspiegelt, die uns in diesem Moment mit ihm verbinden.

 

3. DAS ÄQUIVALENT FINDEN

Erst jetzt greifen wir zu unserer Kamera und suchen auf dem Display oder im Sucher einen Bildausschnitt, welcher das Äquivalent zu dem in unserer vorangegangenen Kontemplation Geschauten bildet.

Wir schenken uns Zeit und Raum, den „richtigen“ Ausschnitt zu finden und die Kamera so einzustellen, dass die Aussage des Photos ein Äquivalent bildet zu dem, was wir in der Resonanz zu unserem Photo-Objekt wahrnehmen und empfinden.

Bei der Wahl unseres Bildausschnittes und seiner Komposition beachten wir die Wirkung des Photos auf seine Betrachter. Welche Botschaft möchten wir vermitteln? Welche Energie soll unser Bild ausstrahlen?

 

4. PHOTOGRAPHIEREN

Nun photographieren wir das Objekt, mit dem uns in diesem Moment eine tiefe Resonanz verbindet, die ihre Intensität in Raum und Zeit ständig verändert. Wir folgen mit der Kamera unserer intuitiven Wahrnehmung, die uns zum photographischen Äquivalent des Photo-Objektes führt.

Während des Photographierens nehmen wir die bereichernde Erfahrung des kreativen Flows wahr, der unsere Freude und unsere Spontaneität nährt. Dabei bleiben wir offen für mögliche Veränderungen. Häufig zeigen sich uns erst in dieser Phase zuvor ungeahnte Perspektiven und Motive, denen wir mit Offenheit, Freude und Interesse begegnen.

Die Möglichkeiten der Kameratechnik (Stativ, Kontrolle der Aufnahme am Display, Serienaufnahmen mit variierten ISO-Werten, Blenden und Belichtungszeiten, u.a.) nutzen wir dazu, um ein Bild zu erschaffen, das uns und seine späteren BetrachterInnen mit seiner Aussage und Strahlkraft innerlich berührt.

Wir bleiben so lange im „Aufnahmemodus“, bis die Energie der Resonanz zum Photo-Objekt deutlich nachlässt. In Abhängigkeit von der Tiefe unserer inneren Verbindung zum Photo-Objekt und den äußeren Rahmenbedingungen kann dieser Prozess von wenigen Minuten bis hin zu mehreren Stunden dauern.

 

5. DANKEN UND SICH VERABSCHIEDEN

Wenn die Resonanz zu dem Photo-Objekt nachlässt, sinkt zugleich auch das Niveau unserer inneren Energie. Wir nehmen unsere innere Freude wahr, mit der uns der soeben erlebte kreative Prozess beschenkt hat.

Nun ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Mit einer persönlichen Geste danken wir dem Photo-Objekt, das sich uns frei und tief gezeigt hat, für die ganze Fülle seiner Existenz, aus der wir einen kleinen Ausschnitt photographieren durften.

Wir lassen unsere Erfahrungen in einer bewussten Pause des Nichts-Tuns innerlich nachwirken, bevor wir uns einem weiteren Objekt zuwenden oder wieder Kontakt nach außen aufnehmen.

(Aus: „Buddhismus Aktuell“, Heft 2/2016, S. 63-64: „Achtsamkeitsübungen für die Fotografie“)

Von der Illusion, die Wirklichkeit zu sehen

Situation I:

Ich hänge Bilder für eine meiner Ausstellungen. Als erstes hänge ich die Makroaufnahme einer Blüte, die für mich voller Dynamik und Lebensenergie ist. Ein befreundeter Fotohändler betritt den Raum, betrachtet das Bild, tritt ganz nahe heran und kommentiert: „Diese typischen chromatischen Aberrationen. Und da diese Vignettierung. Fotografierst du mit einem ….-Objektiv? Wieviel mm hat dein Objektiv?“

 

Situation II:

Selber Raum, selbes Photo, jedoch ein anderer Besucher. Auch er tritt nahe an die Makroaufnahme heran und kommentiert: „Das ist doch ein Korbblütler, eine Asteraceae. Gehört dieses Exemplar zur Gattung Taraxacum oder Leontodon?“

 

Situation III:

Einige Monate später, ich hänge dasselbe Bild im Flur eines Altersheims auf. Ein Bewohner nähert sich mit seinem Rollator, schaut mir bei der Arbeit zu und kommentiert: „Ich hab´ ja mit E605 gespritzt. Da blieben die Wege in meinem Garten schön sauber!“

 

Für mich sind diese Erfahrungen Lehrstücke über die unterschiedliche Wirkungsweise eines Photos auf unseren menschlichen Geist.

 

Der Sensor unserer Kamera, die lichtempfindliche Schicht unseres analogen Filmmaterials, sie bilden einfach ab – sie interpretieren nicht, sie werten nicht, sie lehnen nicht ab und sie bevorzugen nicht bestimmte Bildelemente. Es sei denn, der Mensch benutzt die Kameratechnik, um solche Effekte bewusst zu erzielen. In einem gewissen Sinne „sieht“ die Kamera also die „objektive Wirklichkeit“.

 

Mit unserem Alltagsbewusstsein jedoch sehen wir immer einen subjektiv verfärbten Ausschnitt aus der Gesamtheit der äußeren Wirklichkeit. Was wir sehen, das hängt in entscheidendem Maße ab von unseren individuellen Lebenserfahrungen und Prägungen: Der Fotohändler sieht mit der Brille der optischen Technologie, der Biologe klassifiziert zuerst einmal die Pflanzen und der „Gartenliebhaber“ erinnert sich mit Stolz an seine Giftspritze. Aber sieht und erlebt jemand von ihnen auch die Dynamik und Lebensenergie dieser Blüte auch nur annähernd so, wie ich sie wahrgenommen und erlebt habe?

 

Auch ich selbst sehe nur einen subjektiven Ausschnitt aus der äußeren Welt. Mit Hilfe der Achtsamkeit und der Meditation kann ich mir jedoch dieser Tatsache bewusst werden. Ich kann lernen, den Automatismus, in dem in wenigen Millisekunden aus einer rein optischen Abbildung ein subjektives Wahrnehmungserlebnis wird, zu durchbrechen, mir seiner Wirkweise bewusst zu werden und seine einengenden Grenzen zumindest gelegentlich zu überwinden.

 

Dann sehe ich die Welt mit ganz anderen, mit wachen Augen. Ich nehme Dinge wahr, die ich bisher nicht gesehen habe. Ich habe auf eine intensivere Weise Teil an dieser Welt und ich gehe in einen tieferen Kontakt zu ihr. Ich bekomme einen Geschmack von dem, was Zen-Meister Thich Nhat Hanh als „Intersein“ bezeichnet: die grundlegende Verbundenheit alles Seienden in diesem Universum.

 

Achtsame Photographie, ein politischer Akt

Für mich ist die achtsame Photographie wie ich sie zu praktizieren versuche vor allem ein Prozess der Selbstreflektion in der Begegnung mit der äußeren Welt. Meinen Fokus lege ich dabei ganz bewusst auf das, was ich als „schön“, „nährend“, „lebensbejahend“ und „erhellend“ erlebe. Diese Energien suche, diese Energien benötige ich als Antithesen und Gegengewicht zu einer Welt, die sich aktuell anscheinend immer tiefer in den Wahnsinn von Gier, Gewalt und Hass hineinziehen lässt. Und es ist mein persönliches Anliegen, mit meinen Aufnahmen die oben genannten für unser menschliches Sein existentiell notwendigen positiven Energien an die Betrachterinnen meiner Photographien zu verschenken.

Meine Arbeit erlebe ich als  eine Fortsetzung des Lebenstraumes, dem ich seit meiner Bewusstwerdung in der Zeit der Pubertät bis zum heutigen Tage folge: Der Traum von einer humanen und lebenswerten Welt, in der die Menschen sich selbst, einander und dem ganzen Universum mit Mitgefühl, Verstehen und Respekt begegnen. Mein persönlicher Weg der Umsetzung dieses Traumes unterliegt der Vergänglichkeit aller Manifestationen, von der radikalen linken Protesthaltung meiner Jugend über die angesichts des Scheitern im politischen Engagement darauf notwendigerweise folgende lange Zeit der Resignation und Depression hin zu meiner heutigen Weltsicht, die mir ermöglicht, in der Rechten Achtsamkeit – wie sie vom historischen Buddha gelehrt wurde und heute von dem vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh an uns weitergegeben wird – einen Weg zur Umsetzung meiner innersten Überzeugung zu suchen und zu finden.

Aus meiner gegenwärtigen Sicht heraus ist für mich selbst das Photographieren einer winzigen Eisblume ein politischer Akt: Ich vollziehe ihn im Bewusstsein meiner unabweisbaren Verwobenheit mit allem und allen in diesem Universum. Thich Nhat Hanh, dem ich seit vielen Jahren folge, nutzt hierfür das Wort „Intersein“. Er beschreibt damit das Faktum, dass ich in jedem einzelnen Eiskristall die ganze Welt entdecken kann: Das Wasser, das Licht, die Sonne … – alle Elemente, aus denen heraus sich auch mein eigenes Leben manifestiert.

Diese Sichtweise, das ganze Universum selbst im kleinsten seiner Elemente wahrzunehmen, zu erkennen, zu durchdenken und zu erleben, erlaubt mir, als „zoon politikon“ (Aristoteles), als gesellschaftliches Wesen zu leben, denn nur in der erfüllenden und erfüllten Koexistenz mit allem Lebenden erfüllt sich meine menschliche Natur.

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Ich verwende hier den Begriff der Politik im Sinne Sternbergers und Neumanns:

Dolf Sternberger (1907-1989, deutscher Politikwissenschaftler und Journalist) schrieb in seinem Buch „Begriff des Politischen“, Insel-Verlag, Frankfurt/M. 1961, S.18: „Der Gegenstand und das Ziel der Politik ist der Friede. … Der Friede ist die politische Kategorie schlechthin.“ (zitiert nach de.wikipedia.org., Schlagwort: Dolf Sternberger, entnommen am 25.12.2016)

Franz Leopold Neumann (1900 – 1954, deutscher Politikwissenschafter) schrieb 1950:„Politische Wissenschaft ist die Wissenschaft von der Freiheit.“ (zitiert nach de.wikipedia.org., Schlagwort: Politik, ohne nähere Quellenangabe, entnommen am 25.12.2016)

 

 

Stephen Batchelor: Fotografie & Meditation

Ich danke Stephen Batchelor (https://www.stephenbatchelor.org) und seinem Verlag für die Erlaubnis,  das folgende Essay abzudrucken.

„Fotos zu machen und Meditation zu praktizieren können auf den ersten Blick Aktivitäten sein, die nichts miteinander gemein haben. Denn während die Fotografie durch das Medium einer Kamera nach draußen auf die visuelle Welt schaut, richtet die Meditation den Fokus nach innen auf die unmittelbare Erfahrung. Und während die Fotografie damit beschäftigt ist, Bilder der Realität produzieren, geht es bei der Meditation darum, die Realität so zu sehen, wie sie ist. Dennoch habe ich durch das Fotografieren und die Praxis der Meditation in den letzten dreißig Jahren die Erfahrung gemacht, dass die beiden Aktivitäten an einem Punkt zusammenkommen, an dem ich sie nicht länger als verschieden ansehe.

Als Praktiken erfordern sowohl die Meditation alsauch die Fotografie Engagement, Disziplin und technische Fertigkeiten. Diese Qualitäten zu besitzen ist jedoch keine Garantie dafür, dass die Meditation zu größerer Weisheit führen oder die Fotografie zur großartigen Kunst werden wird. In beiden Bereichen über die bloße Technik hinauszugehen erfordert die Fähigkeit, die Welt auf eine neue Weise zu sehen. Ein solches Sehen hat seinen Ursprung in einer durchdringenden und unersättlichen Neugier in Bezug auf Dinge.  Es schließt ein, dass man ein unschuldiges, kindliches Staunen über das Leben wiedergewinnt, während man die Überzeugung des Erwachsenen aufhebt, dass die Welt einfach so ist, wie sie erscheint.

Die Beschäftigung mit Meditation und Fotografie führt weg von der Faszination mit dem Außergewöhnlichen und zurück zur Wiederentdeckung des Gewöhnlichen. Genauso, wie ich mir früher erhofft hatte, durch Meditation zu mystischer Transzendenz zu gelangen, nahm ich an, dass exotische Plätze und ungewöhnliche Objekte ideale Motive für die Fotografie seien. Stattdessen habe ich festgestellt, dass meditative Bewusstheit ein erhöhtes Verständnis und Gefühl für die konkreten, sinnlichen Geschehnisse des täglichen Lebens ist. In ähnlicher Weise hat mich die Praxis des Fotografierens gelehrt, dem genauere Aufmerksamkeit zu schenken, was ich jeden Tag um mich herum sehe. Einige der befriedigendsten Bilder, die ich aufgenommen habe, stammen von Dingen in unmittelbarer Nähe des Ortes, wo ich lebe und arbeite.

Sowohl Fotografie als auch Meditation erfordern die Fähigkeit, sich stetig auf das zu konzentrieren, was geschieht – um klarer zu sehen. Auf diese Weise zu sehen schließt ein, dass man seinen eigenen geistigen Fokus verschiebt. Das bedeutet, dass die gewohnte Sichtweise einer vertrauten und selbstverständlichen Welt durch ein ausgeprägtes Gefühl für die beispiellose und unwiederholbare Konfiguration eines jeden Moments ersetzt wird. Egal, ob Sie nun dem Atem achtsame Aufmerksamkeit schenken, während Sie in Meditation sitzen, oder ob Sie ein Bild in einem Sucher komponieren, Sie stehen vor einer Realität, die flüchtig und verlockend ist.

An diesem Punkt scheinen die Aufgaben des Meditierenden und diejenigen des Fotografen voneinander abzuweichen. Während der Meditierende die ununterbrochene, nicht-urteilende Bewusstheit des Moments kultiviert, fängt der Fotograf den Moment ein, indem er den Auslöser betätigt. Aber in der Praxis bringt die ästhetische Entscheidung, ein Bild auf Film einzufrieren, den kontemplativen Akt der Beobachtung in eine feste Form, statt ihn zu unterbrechen. Körper und Sinne in diesen letzten Sekunden in Einklang zu bringen, bevor man ein Bild macht, erhöht für einen Augenblick die Intensität und Unmittelbarkeit des Bildes. Ihnen wird ein Blick in das Herz des Moments gegönnt, der durch meditative Bewusstheit allein vielleicht nicht erreicht wird.

Sich dazu bewogen zu fühlen, Fotos zu machen, bedeutet genau wie sich zur Praxis der Meditation inspiriert zu fühlen, dass man sich auf einen Weg begibt. In beiden Fällen folgt man einer intuitiven Ahnung statt einer sorgfältig erwogenen Entscheidung. Etwas an der „Fotografie“ und der „Meditation“ zieht einen unwiderstehlich an. Während Sie anfangs Ihr Interesse an diesen Beschäftigungen mit klaren und zwingenden Gründen rechtfertigen, müssen Sie, je weiter Sie auf beiden Wegen fortschreiten, immer weniger sich selbst gegenüber erklären. Der bloße Akt des Fotografierens oder des in Meditation Sitzens ist von sich aus ausreichende Rechtfertigung. Die Vorstellung von einem Endergebnis, das an irgendeinem Punkt in der Zukunft zu erreichen ist, wird durch ein Verständnis davon ersetzt, dass das Ziel der Meditation und der Fotografie genau hier ist und darauf wartet, in jedem Moment realisiert zu werden.

Sowohl bei der Meditation als auch bei der Fotografie geht es um Licht. Meditierende sprechen von „“Erleuchtung“; einer Erfahrung, in der das Licht bildlich gesprochen die Dunkelheit des Geistes vertreibt. In ähnlicher Weise erleuchtet der Fotograf mit Hilfe eines ungewöhnlichen Blickwinkels, einer ungewöhnlichen Lichtanordnung oder einer Anpassung in der Tiefenschärfe etwas an einem Objekt, das vorher unbemerkt war. Eine solche Art des Fotografierens hat nichts damit zu tun, vertraute Dinge, Orte und Menschen bildlich festzuhalten. Stattdessen eröffnet sie einem die Welt auf eine überraschende und unverhoffte Weise, die sowohl faszinierend als auch beunruhigend sein kann.

Das Interesse des Fotografen an Licht hat auch eine sehr reale Bedeutung. Denn ohne ausreichendes Licht kann man einfach nicht fotografieren. Dennoch stellt man, je näher man an dem ist, was im Sucher zu finden ist, um so mehr fest, wie das Licht, das erhellt und der Gegenstand, der erhellt wird, Dinge sind, die sich nicht voneinander trennen lassen. Ein Gegenstand ist genauso sehr das Medium, durch das das Licht offensichtlich wird, wie das Licht das Medium ist, durch das ein Gegenstand offensichtlich wird. Sie können nicht eines ohne das andere haben. Indem man eine Aufnahme von einem Gegenstand macht, macht man eine Aufnahme von bestimmten Lichtverhältnissen.

Wenn diese Trennung zwischen dem, was erhellt, und dem, was erhellt wird, sich aufzulösen beginnt, dann wird es zunehmend schwieriger, den Gegenstand, der fotografiert wird, als ein Ding zu betrachten, das eigentlich „da draußen“ existiert. Sobald Sie Ihre Wahrnehmung dahingehend verlagern, dass Sie den Gegenstand als einen bestimmten Lichtzustand ansehen, wird das, was Sie beobachten, ebenso unverbindlich, schimmernd und leuchtend sein wie das Licht selbst. Wenn Sie dem Spiel des Lichts mehr Aufmerksamkeit schenken als „einem Etwas“, welches durch das Licht erleuchtet wird, dann beginnt die Fotografie, sich von der Darstellung hin zur Abstraktion zu bewegen. Der Fotograf vertieft sich in die ruhelosen Kontraste von Linie, Farbe und Schattierung und dem, was sich innerhalb und außerhalb seines Fokus befindet. Und das geschieht bis zu einem Punkt, an dem das erkennbare Objekt verschwindet. In ähnlicher Weise beginnt die vertraute Welt solider Dinge und Menschen sich abzulösen, wenn der Meditierende seine Bewusstheit vertieft und verfeinert. Sie wird zu einem Spiel von Bedingungen, die auf geheimnisvolle Weise auftauchen und verschwinden.

(…) Beide Wege haben dazu gedient, mein Verständnis vom flüchtigen, ergreifenden und vollkommen zufälligen Wesen der Dinge zu vertiefen.“

©Batchelor, Martine & Batchelor, Stephen: Meditation,  S. 159 – 160, Arbor Verlag Freiamt 2003, www.arbor-verlag.de